Die besten ERP-Systeme:
Der Wettbewerb zum ERP-System des Jahres 2018

 

Norbert Gronau

Seit mehr als zehn Jahren führt das Center for Enterprise Research an der Universität Potsdam den Wettbewerb zum ERP-System des Jahres durch. Dieser Beitrag beschreibt das Verfahren, nach dem die Preisträger bestimmt werden, zeigt einige Veränderungen der Wettbewerbsbedingungen im Laufe der Jahre auf und nennt die Gewinner 2018 u. a. in den Kategorien Einzelhandel, Serienfertigung, Professional Services und Treiber der Digitalisierung.

Das Verfahren

Für den Wettbewerb kann sich nur anmelden, wer von der Jury ausdrücklich dafür nominiert wurde. Damit will die Jury gerade innovative Anbieter ermuntern, sich in einer der ausgeschriebenen Kategorien zu bewerben. In jedem Jahr werden ca. 100 Systeme für die Teilnahme am Wettbewerb nominiert; jeder Juror hat die Möglichkeit dazu. Allerdings erkennen nicht alle Anbieter die darin liegende Chance, sich im Wettstreit der besten zu messen.

Die Kategorien, in denen Bewerbungen erfolgen können, werden durch die Jury jedes Jahr neu festgelegt. Das hat den Hintergrund, den Wettbewerb nicht langweilig werden zu lassen (ein Anbieter gewann z. B. 4x hintereinander den Preis in der Kategorie Handel) und um aktuelle Entwicklungen wie z. B. die zunehmende Durchdringung mit ERP-Systemen in bisher IT-fernen Branchen zu honorieren. Die Anbieter stehen nur in der jeweiligen Kategorie miteinander im Wettbewerb. In Kategorien mit wenigen Bewerbern gewinnt das dort beste System, auch wenn es im Vergleich zu anderen Anbietern nicht die gleiche Funktionstiefe und Kundenabdeckung aufweist. Auch findet der Vergleich nur zwischen Anbietern statt, die sich aktiv beworben haben. Die Jury stellt jedoch sicher, dass es in jeder Kategorie eine Chance zu einem fairen und spannenden Wettbewerb gibt. So werden alle Anbieter einer Kategorie, von denen Referenzanwendungen publiziert wurden, durch die Jury nominiert. Eine  „Vorselektion“ findet nicht durch die Jury, sondern höchstens durch nominierte Anbieter, die sich dem Wettbewerb nicht stellen wollen, statt. Zum Beispiel weigern sich ABAS und ProAlpha standhaft, am Wettbewerb teilzunehmen. SAP- und Microsoft-Systemhäuser haben dahingegen schon des öfteren teilgenommen und auch gewonnen. Einen Überblick über das Verfahren gibt Bild 1.


Bild 1: Überblick über das Verfahren.

2018 wurde der Preis in folgenden Kategorien vergeben:.

  • Serienfertigung
  • Treiber der Digitalisierung
  • Retail
  • Professional Services
  • Medizintechnik 
  • Pharma
  • Cloudbasierte ERP-Systeme
  • SAP-Systemhaus

Zusätzlich wird jährlich von der Jury ein KMU-Sonderpreis vergeben.

Die nominierten Anbieter wählen eine Kategorie, in der sie sich bewerben und erläutern anhand von sieben vorgegebenen Kriterien, welche Eigenschaften und Vorteile ihr System, auch im Praxiseinsatz bei Kunden, aufweist.

Folgende Kriterien wurden 2018 an das Teilnehmerfeld der ERP-Anbieter gestellt, unabhängig ob Anbieter oder Systemhaus:


Einführungsmethodik: Welches Vorgehen wird bei der Einführung eines ERP- Systems verfolgt? An dieser Stelle ist die Vorgehensweise der Einführung des ERP-Systems bei einem Kunden zu beschreiben und zu begründen.

Kundenkommunikation / Vertriebsmarketing: Hier ist eine kurze Darstellung von Initiativen zur Förderung des Bekanntheitsgrades, der Darstellung und Vermittlung von Customer Awareness und eigener Kompetenz gefragt.

Forschung und Entwicklung: In dieser Kategorie sollen die Aktivitäten im Bereich Forschung und Entwicklung vorgestellt sowie eventuelle Kooperationen zu Forschungseinrichtungen erläutert werden. Dies kann anhand geeigneter Projekte oder weiterer Vorhaben geschehen.

Konkreter Kundennutzen: In dieser Kategorie soll eine Stellungnahme eines Kunden zum konkreten Nutzen aufgrund der Einführung des Systems – beispielsweise auf der Basis von Wirtschaftlichkeitsbetrachtungen – erläutert werden.

Brancheneignung durch spezifische Funktionen: Bei diesem Kriterium soll die besondere Eignung des Systems für die gewählte Kategorie dargestellt werden. Dabei sollen die speziellen Anforderungen sowie die Umsetzung durch die ERP-Lösung beschrieben werden.

Ergonomie: Die Ergonomie beschreibt die benutzergerechte Gestaltung eines Systems. Für eine Einschätzung der Ergonomie soll beschrieben werden, wie sich die Einhaltung ergonomischer Prinzipien im System widerspiegelt. Zwei aussagekräftige Screenshots mit Erläuterungen sollten ergänzend eingereicht werden.

Technologie und Integrationsumfang: Dieses Kriterium erfordert eine Beschreibung der Systemarchitektur, der Wandlungsfähigkeit und Flexibilität des ERP-Systems. Ebenfalls sollten Aussagen zur Releasefähigkeit von Individualanpassungen getroffen werden. Eine Darstellung der Integrationsfähigkeit des Systems in bestehende auch unternehmensübergreifende Systemlandschaften ist außerdem in dieser Kategorie erwünscht. Ferner wird eine Beschreibung der Anbindung von Lieferanten und Kunden über das Internet sowie die Interoperabilität mit anderen Anwendungssystemen gefordert.

Für die Systemhauswettbewerbe wurden folgende ergänzende Kriterien aufgestellt:

Systemspezifische Zusatzfunktionen: Bei diesem Kriterium soll beschrieben werden, wie das Standardsystem um ergänzende Funktionen erweitert wurde. Diese können branchen- oder nicht-branchenspezifisch sein; es geht darum, ob das Systemhaus zusätzlich zum Anbieter eigene (Standard-) Entwicklungsleistungen erbringt und verantwortet. Diese Leistungen stellen auch einen Maßstab für die Abgrenzung zwischen verschiedenen Systemhäusern eines ERP-Anbieters dar.
 

Bandbreite der Dienstleistungen: In dieser Kategorie sollen die ergänzenden Leistungen des Systemhauses „rund um ERP“, beschrieben werden. Besonderer Fokus sollte dabei auf der Darstellung des Angebotes einer ganzheitlichen Betreuungsleistung gegenüber dem Kunden liegen.

Bandbreite der Beratungsleistung: Neben der Einführung eines Systems sind weitere Beratungsleistungen für den Kunden von Nutzen. In dieser Kategorie soll die verschiedenen Beratungsleistungen des Systemhauses aufgezeigt werden.

Die Bewertungskriterien werden durch die Jury vor Beginn des Wettbewerbs gewichtet. Bild 2 zeigt den Wandel der Gewichtungen im Laufe der Jahre. Dabei zeigt sich die wesentliche Bedeutung der Kategorien Kundennutzen und Brancheneignung, die in den letzten Jahren stets fast die Hälfte der Bewertung ausmachten. Sehr interessant ist auch, dass in nachfragestarken Jahren die Bedeutung der Kundenkommunikation aus Sicht der Jury sinkt. Einen insgesamt steigenden Anteil nimmt Forschung und Entwicklung ein, was die Notwendigkeit einer guten Zusammenarbeit zwischen Anbietern und Forschungseinrichtungen deutlich macht. Ergonomie ist nach wie vor ein bedeutendes Kriterium.

Alle schriftlichen Bewerbungen werden von der Jury einer ausführlichen Begutachtung unterzogen. Dabei bewerten stets mindestens drei Juroren jede Einsendung unabhängig voneinander. Zusätzlich wird geprüft, dass die Einsendung in der richtigen Kategorie teilnimmt und mindestens 500 von den maximal erreichbaren Punkten erhält. In jeder Kategorie kommen höchstens die drei besten Anbieter weiter.

Alle Anbieter werden ausführlich über ihr Abschneiden –auch im Vergleich zum Durchschnitt aller Teilnehmer –informiert. Diejenigen Anbieter und Systeme, die zur öffentlichen Anbieterpräsentation eingeladen werden, erhalten bereits die Auszeichnung „Finalist: ERP-System des Jahres“. Bei der öffentlichen Anbieterpräsentation, die im Oktober 2018 unter großer öffentlicher Anteilnahme auf der ERP-Fachmesse und Kongress in Frankfurt stattfand, stehen dann bis zu drei Bestplatzierte jeder Kategorie der gesamten Jury gegenüber. Die Anbieter wählen aus den sieben Kriterien diejenigen drei aus, die sie öffentlich präsentieren wollen. Für die vier übrigen Kriterien wird die Vornote aus der schriftlichen Bewerbung übernommen. Die Präsentation, ergänzt durch anschließende Rückfragen der Jury an den Anbieter, wird durch alle Jurymitglieder gleichzeitig bewertet. Bei 10 bis 12 Einzelvoten zu jedem Anbieter und Kriterium gewinnt dasjenige System in jeder Kategorie, das die Gesamtheit der Jury am besten überzeugt, den Titel „ERP-System des Jahres“.


Bild 2: Gewichtung der Bewertungskriterien im Zeitablauf.

Im Jahr 2018 waren das die folgenden Systeme:
 

Kategorie „SAP-Systemhaus“: Innovabee Group GmbH & Co. KG – Die Jury honorierte hier insbesondere das innovative Vertriebskonzept mit individualisierter Kundenansprache; aus technischer Sicht überzeugte vor allem die Umsetzung der digitalen Transformation im eigenen Haus.

Kategorie „Serienfertigung“: Gebauer GmbH / TimeLine Business Solutions Group – Die gute Integration von CAD/CAM-Systemen mit dem ERP-System, die sich beispielsweise in einem ausgefeilten Variantenkonfigurator manifestierte, gab aus Sicht der Jury den Ausschlag; der Aufwand an Forschung und Entwicklung ist für ein Softwarehaus dieser Größe überdurchschnittlich, befand die Jury.

Kategorie „Retail“: SHD AG – Der klare Branchenfokus auf die Belange von Handelsunternehmen und der dabei klar herausgestellte Kundennutzen überzeugten die Jury; zusätzlich überzeugten die aufgezeigten Migrationsmöglichkeiten.

Kategorie „Professional Services“: Asseco Solutions AG – Das Unternehmen beeindruckte die Jury durch starken Kundenfokus in der Kommunikation und ein erfolgreiches Vertriebsmarketing; die Lösung beweist gerade bei Abrechnungsfunktionen für Personaldienstleistungen einen hohen Kundennutzen.

Kategorie “Pharma”: GUS Deutschland GmbH – Das auf Lösungen im regulatorischen Umfeld spezialisierte Softwarehaus punktete mit einem Pilotprojekt zur KI-gestützten Vorhersage von Prozessereignissen, die mit hohem F&E-Aufwand betrieben werden. Die starke Branchen- und Kundenorientierung überzeugte die Jury.

Kategorie “Medizintechnik”: oxaion GmbH – Mit der kostengünstigen Einstiegsversion oxaion easy hat das Unternehmen eine komplette Neuentwicklung mit Blick auf die besonderen Anforderungen im regulierten Markt Medizintechnik gewagt; die Methoden zur validierbaren agilen Einführungsmethodik gaben in den Augen der Jury den Ausschlag.

 

Kategorie „Cloud-basiertes ERP“: WeClapp GmbH – Einen modernen Lösungsansatz zeigte das zehn Jahre junge Unternehmen WeClapp mit seiner auf mobile Endgeräte ausgelegten, skalierbaren Cloud-Lösung, die das Ergebnis von hohen Entwicklungsaufwänden ist. Eine Forschungseinrichtung im Umfeld der Universität Würzburg soll für weitere Innovationen im Cloud-Angebot sorgen.

Kategorie „Treiber der Digitalisierung“: CVS Ingenieurgesellschaft mbH / ALPHAPLAN – Mit der höchsten Punktzahl aller Finalisten honorierte die Jury die hervorragende Ergonomie bei sehr mächtiger Funktionalität der Lösung; digitale Trends wurden bei der kompletten Bearbeitung des relevanten Marktes, einer starken Kundenkommunikation mit Einbeziehung von Workshops und Helpdesks gezeigt.

KMU-Sonderpreis der Jury: Xentral ERP Software GmbH – Für das junge Unternehmen Xentral vergab die Jury einen Sonderpreis in Anerkennung der Flexibilität und des Funktionsreichtums der ERP-/CRM-Lösung, die übrigens auch Startup-Investor Peter Thelen beeindruckte; Xentral sei ein Beispiel für die Innovationsfähigkeit der deutschen Digitalwirtschaft, befand die Jury.

Alle Finalisten – und nicht nur die Preisträger – verfügen über außerordentlich innovative und für die jeweiligen Branchen besonders geeignete Lösungen. Der Wettbewerb hat auch 2018 gezeigt, dass sich gerade die mittelständischen Anbieter durch Kundennähe und einen zielorientierten Umgang mit neuen Technologien auszeichnen.