Nutzung der Blockchain-Technologie im Unternehmensumfeld

Anja Wilde

Über die Blockchain-Technologie wird aktuell viel gesprochen und publiziert. Dabei entsteht ein großer Hype um die neue Technologie. Hinter dem Hype steckt ein Stück Freiheit durch den Wegfall von Intermediären. Plattformen, die als zentraler Vermittler (Intermediär) auftreten, werden durch die direkte Verbindung zwischen zwei Unternehmen in einem dezentralen Netzwerk überflüssig. Somit ist die Blockchain-Technologie ein Gegengewicht zu den derzeit dominierenden zentralen Plattformen. Doch die große Frage ist, wie sie tatsächlich im Unternehmensumfeld nutzbar und wann ein Einsatz sinnvoll ist. Die folgenden Gedanken sollen Unternehmen dabei unterstützen, die Technologie leichter zu verstehen und den Einsatz im eigenen Unternehmen entsprechend zu eruieren.

In fast allen Branchen basiert die Zusammenarbeit mit Partnern auf zentralen Marktplätzen oder Systemen, die von einem bestimmten Unternehmen (Intermediär) bereitgestellt werden. Das hat zur Folge, dass Partner, die Informationen über einen solchen Intermediär austauschen, die Souveränität über ihre Daten und über ihre Partner verlieren. Zusätzlich wächst die Abhängigkeit zu speziellen Intermediären. Werden auf Grund der steigenden Abhängigkeit immer mehr Daten an die Intermediäre übergeben, wächst deren Marktmacht stetig [1].

Um die Datenhoheit weiterhin zu behalten und die Abhängigkeit von Intermediären so gering wie möglich zu gestalten, greifen viele Unternehmen auf manuelle Kommunikationsmechanismen zurück und tauschen Daten per Post, Telefon oder E-Mail aus. Diese Tätigkeiten sind nicht nur unsicher, sondern auch fehleranfällig. Somit stellt sich die Frage, wie unternehmensübergreifende Prozesse zukünftig gestaltet werden sollen. In diesem Zusammenhang gewinnt die Blockchain-Technologie an wachsender Bedeutung.


Bild 1: Prinzip der Blockchain-Technologie.


Hinter dem Hype steckt ein Stück Freiheit

Die Publikationen zum Thema Blockchain häufen sich immer mehr. Sie wird als „Wundermittel“ [2] oder „das große Ding“ [3] bezeichnet. Allgemein ist die Blockchain eine dezentrale Datenbank, die eine stetig wachsende Liste von Transaktionsdatensätzen enthält. Diese Datenbank wird immer wieder um eine bestimmte Menge an Transaktionen erweitert. Die Transaktionen oder Daten liegen dabei immer in einem Block. Werden die Blöcke miteinander verbunden, entsteht eine Kette. Somit entsteht der Begriff einer Blockkette bzw. im englischen Blockchain. Ist ein Block vollständig, wird der nächste erzeugt und an die bestehende Kette gehängt. Jeder Block ist dabei über eine Referenz (Hash) mit dem vorherigen Block verbunden (Bild 1).

Auf dieser Basis können Unternehmen ohne einen Intermediär zusammenarbeiten. Das gibt ihnen die Freiheit, direkt Daten bzw. Informationen auszutauschen. Damit die Unternehmen bei einem Datenaustausch auch ohne Intermediär über die gleiche Sicht auf ihre Daten verfügen, liegen die Daten in Smart Contracts. In diesem Smart Contract werden alle Transaktionsdaten gesammelt. Alle beteiligten Partner interagieren direkt mit dem Smart Contract.

Smart Contracts sind Computerprotokolle im dezentralen Blockchain-Netzwerk, die es ermöglichen, Logiken bzw. Regeln automatisiert abzuwickeln. Eine manuelle Überwachung wird dabei überflüssig. Werden die Smart Contracts in Bezug zu einem Beispiel gesetzt, könnte eine vereinfachte Logik im Bereich Supply Chain Management wie folgt beschrieben werden:

Wenn Lieferant A 25t Kaffee an den Abnehmer B geliefert hat und diese 25t Kaffee durch den Wareneingang beim Abnehmer B bestätigt wurden, dann zahlt der Abnehmer B automatisiert und direkt 1000 EUR an den Lieferanten A.


Dezentralität sollte dezentral betrieben werden

Die Grundlage der Blockchain-Technologie ist ein dezentrales Netzwerk verschiedener Teilnehmer, die Rechenleistung zur Verfügung stellen. Diese werden auch Knoten, Miner oder MasterNodes in einer Blockchain genannt. Aus dem Umstand der Dezentralität entstand mit „The DAO“ [4] die Idee, dass auch die Organisation einer Blockchain dezentral betrieben werden sollte. Eine Dezentrale Autonome Organisation (DAO) verzichtet dabei auf einen Geschäftsführer oder ein organisches Management. Die Organisation, deren Statuten, Geschäftsordnung, Gesellschaftsvertrag oder Satzung wird durch einen Smart Contract abgebildet und automatisch ausgeführt [5]. Dieser Smart Contract stellt dabei die höchste Form der Komplexität dar [6].

Eine DAO ist somit ein digitales Unternehmen ohne Manager und mit einer weitestgehend nicht veränderbaren Geschäftsordnung, die in einem Code festgelegt ist. Teilhaber einer solchen Organisation können über Abstimmungsverfahren eine Entscheidung darüber treffen, in welche Richtung sich das Unternehmen zukünftig entwickeln soll. Entscheidungen werden basisdemokratisch zwischen allen Teilhabern getroffen. Teilhaber können je nach Geschäftsmodell der DAO Einzelpersonen oder auch Unternehmen sein. Zusammenfassend hat eine DAO folgende Eigenschaften [7]:

  • Smart Contract für das Geschäftsmodell
  • Open Source-Code im Rahmen des Smart Contract
  • Keine Bindung an einen Nationalstaat 
  • Keine Bindung an einen Intermediär oder zentralen Entscheider 
  • Betreibung und Finanzierung des Geschäftsmodells durch die Teilnehmer der DAO 
  • Basisdemokratische Entscheidungen innerhalb der DAO
  • Ausschluss von Teilnehmern, die gegen festgelegte Regeln verstoßen 

Somit entscheidet eine Gemeinschaft aus Unternehmen mit unterschiedlichen Digitalisierungsgraden beispielsweise, welche Dienstleistungen in dem Ökosystem
auf Basis der Blockchain-Technologie angeboten werden. Ein einzelner Intermediär wird für diese Entscheidung nicht mehr benötigt.


Grad der Digitalisierung 

Wie Studien ergeben haben, ist die Größe eines Unternehmens oft ein entscheidender Faktor für die Bedeutung der Digitalisierung [8]. Doch der Grad der Digitalisierung ist oft sehr unterschiedlich. Auch innerhalb eines Unternehmens können durch lokale Verbesserungsmaßnahmen der Fachbereiche differente Digitalisierungsgrade entstehen [9]. Da die Blockchain-Technologie es Unternehmen ermöglicht innerhalb eines Netzwerkes zusammen zu arbeiten, müssen unterschiedliche digitale Reifegrade der Unternehmen berücksichtigt werden. Je nach Anwendungsfall können in diesem Netzwerk Personen, Unternehmen, Maschinen und auch Produkte über einen Digital Twin miteinander in Verbindung treten (Bild 2). 

Digital Twins sind virtuelle Abbilder von physischen Objekten oder Systemen. Dabei kann ein Digital Twin spezifische Merkmale, wie Maschinendaten oder die Herkunft eines Produktes über den Wertschöpfungsprozess, speichern. Anhand des Kaffee-Beispiels kann das wie folgt aussehen:
 


Bild 2: Zugang zur Blockchain.

Eine Packung/Charge Kaffee erhält einen Digitalen Zwilling. Alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette schreiben oder lesen die Daten im Digital Twin hinein bzw. hinaus. Es kann somit nachvollzogen werden, dass der Kaffee auf einem Feld in Costa Rica bei einem bestimmten Rohstofflieferanten geerntet worden ist. Dann wurde das Produkt 2 Tage nach der Ernte zum Hafen gebracht, wo es wiederum verschifft worden ist. Die Zollbehörde kann alle erforderlichen Herkunftsnachweise im Digital Twin herauslesen und bestätigt die Einfuhr in das Zielland. Hier angekommen ist es möglich, dass der Digitale Zwilling sich selbstständig im Blockchain-Netzwerk verfügbare Speditionen sucht und mit diesen einen Vertrag zum weiteren Transport schließt. Der Spediteur fährt dann den Kaffee zum Abnehmer, z. B. der Rösterei. 
 

So lässt sich nicht nur nachvollziehen, welche Inhalte ein bestimmtes Lebensmittel enthält und wann es produziert/geerntet worden ist, sondern auch welche Transport- und Vertriebswege ein Produkt durchläuft. Digitale Zwillinge begleiten reale Objekte als digitale Echtzeitkopien – beginnend mit ihrer Entstehung bis hin zu ihrer Entsorgung. Dabei werden digitale Produktinformationen mit realen Zustands- und Verhaltensinformationen verknüpft.

Sollen die verschiedenen Interakteure (Maschinen, Personen, Digital Twins und Unternehmen) innerhalb der Blockchain miteinander kommunizieren, gibt es für den Zugang drei Möglichkeiten:

  • eine Anbindung über das Web
  • eine Anbindung über App
  • eine Anbindung an die unternehmensspezifischen Maschinen und (ERP-) Systeme über einen Edge Server

Eine Anbindung der Interakteure über das Web und somit über einen Browser sowie über eine App ist für Unternehmen und auch Personen zielführend, die einen geringen Digitalisierungsgrad an der Schnittstelle zur Blockchain haben. Über verteilte Anwendungen (Distributed Apps) erfolgt die Kommunikation über ein User Interface (UI) direkt mit der Blockchain. 

Über einen Edge Server können beispielsweise Maschinen angebunden werden. Im Rahmen des Internet of Things (IoT) ist dies für die Maschine-zu-Maschine Kommunikation notwendig. Maschinen können somit Daten austauschen, ohne dass der Mensch eingreifen muss. 

Als Smart Agents werden Computerprogramme bezeichnet, die spezifische Regeln eigenständig ausführen. Abhängig von verschiedenen Auslösern (Events/Trigger/Status) werden definierte Prozesse ausgelöst. Ein manuelles Eingreifen ist nicht notwendig. Somit wird die Blockchain-Technologie eine Unterstützung für unternehmensspezifische Prozesse in Verbindung mit den bestehenden Systemen. Unternehmen, Personen, Maschinen und Digital Twins werden befähigt, unternehmensübergreifend direkt und sicher mit anderen Partnern zu kommunizieren.


Fazit

Die Blockchain-Technologie ist die Basis für ein offenes Ökosystem, das Unternehmen die Möglichkeit bietet, individuell und digital in einem Netzwerk zu interagieren. Sie ebnet den Weg für zukunftsorientierte Geschäftsmodelle, in denen die Datenhoheit und die flexible Zusammenarbeit zwischen Partnern entscheidend für den Erfolg sind. Somit ist die Blockchain-Technologie ein Gegengewicht zu den derzeit dominierenden zentralen Plattformen.

 

Schlüsselwörter:

Blockchain, Dezentralität, Netzwerk, Unternehmensanbindung, DAO, evan.network

Literatur:

[1] Schmidt, H. (2017): Die Unwucht der Plattformökonomie. URL: www.netzoekonom.de (abgerufen am 5.6.2018)
[2] Schmidt, H. (2018): Plattform-Index 15. URL: www.plattform-index.com (abgerufen am 5.6.2018)
[3] Best, E.; Weth, M. (2005): Geschäftsprozesse optimieren: der Praxisleitfaden für erfolgreiche Reorganisation. Gabler Fachverlage, Wiesbaden.
[4] Zm online (2018): Im Einkauf liegt der Gewinn. URL: https://www.zm-online.de/archiv/2018/8/praxis/im-einkauf-liegt-der-gewinn/ (abgerufen am 26.6.2018)
[5] Pumhösel, A. (2017): Digitales Wundermittel Blockchain-Revolution: Datenbanken ohne Chef. URL: https://www.derstandard.de/story/2000066914393/blockchain-revolution-dat... (abgerufen am 26.6.2018)
[6] ZDFinfo Dokumentation (2018): Welt ohne Banken? - Die Blockchain-Revolution. URL: https://www.zdf.de/dokumentation/zdfinfo-doku/welt-ohne-banken-die-block... (abgerufen am 26.6.2018)
[7] Arab, A.; Zschäpitz, H. (2018): Deutschland verpasst schon wieder eine Internetrevolution. URL: https://www.welt.de/wirtschaft/article173946251/Blockchain-Deutschland-v...
die-naechste-Internetrevolution.html (abgerufen am 26.6.2018)
[8] Hülsbömer, S.; Genovese, B. (2018): Definition, Vorteile, Nachteile - Was ist Blockchain?. URL: https://www.computerwoche.de/a/blockchain-was-ist-das,3227284 (abgerufen am 26.6.2018)
[9] Biederbeck, M. (2016): Der DAO-Hack: Ein Blockchain-Krimi aus Sachsen. URL: https://www.wired.de/collection/business/wie-aus-dem-hack-des-blockchain... (abgerufen am 26.6.2018)
[10] Ethereum Foundation (2018): How to build a Democracy on the blockchain. URL: https://ethereum.org/dao (abgerufen am 26.6.2018)
[11] Voshmgir, S.; Hammel C. (hrsg.) (2016): Blockchains, Smart Contracts und das Dezentrale Web. URL: https://www.technologiestiftung-berlin.de/fileadmin/daten/media/publikat... (abgerufen am 26.6.2018)
[12] Schiller (2018): Was ist eine DAO (Dezentrale Autonome Organisation)?. URL: https://blockchainwelt.de/dao-dezentrale-autonome-organisation-was-ist-das/ (abgerufen am 26.6.2018)
[13] Deutsche Telekom (2016): Digitalisierungsindex. URL: https://www.digitalisierungsindex.de/studie/#teilstudien (abgerufen am 27.6.2018)
[14] Schmitt, L. (2017): Studie: So stellen sich Unternehmen der Digitalisierung im Mittelstand. URL: https://www.tixxt.com/de/studie-so-stellen-sich-unternehmen-der-digitali... (abgerufen am 27.6.2018)
[15] Tüllmann, C.; Sager. D.; Prasse, C.; Piastowski, H. (2018): Vernetzt denken – vernetzt handeln. In: Frank Keuper, Marc Schomann, Linda Isabell Sikora, Rimon Wassef (Hrsg.): Disruption und Transformation Management: Digital Leadership – Digitales Mindset – Digitale Strategie. 2018. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.