Industrie 4.0 orientierte ERP-Auswahl

Katharina Kompalka und Dietmar Ebel

Dieser Beitrag zeigt auf, wie die Auswahlentscheidung für ein neues ERP-System durch die technologischen Entwicklungen der Industrie 4.0 künftig beeinflusst wird. Für eine erweiterte Sichtweise wird der standardisierte Auswahlprozess für ERP-Systeme um weitere Kriterien ergänzt. Es werden wesentliche technologische Anforderungen der Industrie 4.0 benannt, die künftig im Rahmen von Auswahlprojekten an ERP-Systeme gestellt werden. Darüber hinaus werden organisatorische Faktoren auf der ERP-Anwenderseite diskutiert, die für eine erfolgreiche Auswahl und Einführung eines ERP-Systems im Kontext der Industrie 4.0 erforderlich sind.

Mitarbeiter stehen der Einführung eines neuen ERP-Systems häufig sehr kritisch gegenüber. Eingespielte Abläufe, die aufgebaute Expertise im bestehenden ERP-System und letztendlich die Kosten sind Kriterien, die häufig gegen die Ablösung der vorhandenen Software sprechen. Eine ablehnende Haltung zeigt sich in Projekten insbesondere, wenn der Umgang mit komplexer Unternehmenssoftware nicht selbstverständlich ist. Wird im Rahmen der Implementierung eines neuen ERP-Systems versäumt intensive Überzeugungsarbeit zu leisten, oder ist die neue Software so komplex, dass sie die Mitarbeiter überfordert, besteht das Risiko für Zeitverzüge im Gesamtprojekt oder gar ein Scheitern des Projekts.

Nicht selten kommt es in Organisationen dazu, dass Module aufgrund der im Vorfeld definierten Anforderungen angeschafft werden, diese aber wegen ihrer technischen Komplexität keine Akzeptanz finden. Dabei bringt eine ERP-Auswahl viele Chancen mit sich, ganz besonders im Kontext der neuen Digitalisierungstechnologien der sogenannten „4. Industriellen Revolution“. Hochgradig vernetzte Produktionsprozesse beeindrucken nicht nur aufgrund der zunehmenden medialen Berichterstattung. Wenn die Umsetzung konsequent zu Ende gedacht wird, können Industrie 4.0-Anwendungen die Geschäftsprozesse signifikant verbessern. Der Digitalisierung kommt zugute, dass freie Stellen durch neue junge Mitarbeiter besetzt werden, die als sogenannte „Digital Natives“ mit Smartphones und App-Technologien aufgewachsen sind. Diese Mitarbeiter sind offen für digitalisierte Geschäftsprozesse. Aufgrund dieser Entwicklung wird in den kommenden Jahren die Empfänglichkeit für neue Technologien im ERP-Umfeld signifikant steigen.


ERP-Auswahlprozess

Ein ERP-Auswahlprojekt wird üblicherweise in die Phasen „Design“ (Anforderungsdefinition), „Auswahl“ und „Einführung“ untergliedert (Bild 1). Insbesondere in der Design- und Auswahlphase werden die Weichen für den Erfolg eines ERP-Einführungsprojektes gestellt.

 


Bild 1: Projektphasen zur Auswahl und Einführung eines ERP-Systems.

In ERP-Systemen werden kontinuierlich neue Funktionen entwickelt, die den Weg in Richtung Digitalisierung von Geschäftsprozessen für Unternehmen ebnen können wie z. B.

  • Apps für mobile Geräte (Smartphones, Tablets),
  • Cloud-Funktionen,
  • flexibel erweiterbare Systemarchitekturen,
  • leistungsfähige Datenbanken und
  • intelligente Werkzeuge zur Durchführung von BI-Analysen.

Die in einer ERP-Auswahl festgelegte digitale IT-Infrastruktur und der Funktionsumfang müssen zum einen zur vorhandenen Mitarbeiterstruktur passen und zum anderen das Potenzial zur Weiterentwicklung in Hinblick auf die Industrie 4.0 bieten. Die Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens wird dabei künftig maßgeblich davon abhängig sein, wie flexibel und erweiterbar das ausgewählte ERP-System ist. Um langfristig mit dem Fortschritt mithalten zu können, muss die ERP-Software mittel- bis langfristig die Möglichkeit bieten, Industrie 4.0-Technologien zu integrieren. Schließlich bindet sich ein Unternehmen durch eine ERP-Auswahl mindestens für die nächsten 10-15 Jahre an ein Produkt. Das Potenzial für die technische Entwicklung in Hinblick auf Industrie 4.0-Anwendungen sollte ein ERP-System deswegen für diesen Zeitraum mit sich bringen.

Bei oberflächlicher Betrachtung, z. B. die Marketing-Kommunikation auf dem ERP-Anbietermarkt untersuchend, scheint es, dass eine ganze Reihe an ERP-Herstellern versuchen auf den Zug der Industrie 4.0 aufzuspringen. Die intensive Auseinandersetzung mit der Thematik Industrie 4.0 hat klare wirtschaftliche Beweggründe. Bis 2020 will die deutsche Industrie, laut einer PWC-Befragung von 235 deutschen Unternehmen, 40 Milliarden Euro pro Jahr in Anwendungen von Industrie 4.0 investieren [1]. Wenn sich diese optimistische Prognose bewahrheitet, wird die ERP-Branche von diesen Entwicklungen nicht unberührt bleiben.

Aufgrund der unterschiedlichen Auslegungen der Definitionen der Industrie 4.0 werden auf dem ERP-Anbietermarkt unterschiedliche Digitalisierungsfunktionen unter dem Deckmantel dieser High-Tech-Strategie angeboten. Es sind jedoch insbesondere die großen Industrieunternehmen, die offen mit der Implementierung von Industrie 4.0-Anwendungen werben. Beispiele hierfür sind die Einführung von:

  • virtuellen Technologien (z. B. interaktive Visualisierungssysteme wie Augmented Reality, Virtual Reality, Mixed Reality und Simulationskomponenten wie z. B. virtuelle Menschmodelle, Motion-Capturing-Systeme)
  • Industrie 4.0-Anwendungen für die Logistik (z. B. Datenbrillen, digitale Kommissionier-Handschuhe, Pick Roboter, Kommissionier-Tablets, zellulare Fördersysteme, Auslieferungsdrohnen)
  • 3D-Druckern
  • Social-ERP-Funktionen zur Erweiterung der innerbetrieblichen Kommunikation wie auch zur Anbindung an soziale Netzwerke (Facebook, Twitter)

Es ist zu erwarten, dass die Ebenen der Cyber-Physischen Produktions-Systeme (CPPS) und die ERP-Ebene künftig immer weiter verschmelzen werden. Dies stellt nicht nur eine Chance für Industrieunternehmen dar, sondern auch ein großes Potenzial für den ERP-Markt in Hinblick auf die Erarbeitung individueller Konzepte zur Anbindung intelligenter, dezentraler Produktionsprozesse.


Chancen und Risiken 

Die Einführung eines neuen ERP-Systems bringt viele Chancen mit sich. Standardisierte und digitalisierte Geschäftsprozesse können dabei unterstützen, veraltete papierbasierte, nicht Software-gestützte Abläufe abzuschaffen und die Produktivität der Mitarbeiter in einzelnen Funktionsbereichen signifikant zu erhöhen. Auch Kunden der ERP-Anwender können von der Modernisierung der ERP-Landschaft profitieren (z. B. echtzeitnaher Auftragsstatus, verbesserter Service, kundenindividuelle Produkte (Losgröße 1), vereinfachte Abläufe für die Belieferung und Rückholung)


Künftige Potenziale

Die technologischen Anforderungen an ein ERP-System im Kontext der Industrie 4.0 werden in der Literatur vielfach diskutiert. Die nachfolgende Abbildung zeigt einen Überblick über die wesentlichen Kriterien, die ein modernes ERP-System erfüllen sollte.

  • Einhergehend mit den Überlegungen der Industrie 4.0 müssen ERP-Systeme über eine wandlungsfähige IT-Architektur verfügen, d. h. es muss möglich sein, zukünftige Änderungen im System schnell vorzunehmen. Aufgrund sich schnell wandelnder Kundenanforderungen ist es wichtig, auf unvorhergesehene Ereignisse reagieren und neue funktionale Anforderungen im System flexibel umsetzen zu können. Die Software Architektur eines ERP-Systems sollte so flexibel sein, dass Drittsysteme schnell und aufwandsarm integriert werden können. ERP-Systeme, die auf SOA – also serviceorientierte Architekturen – beruhen, sind dabei klar von Vorteil.
  • Ferner müssen ERP-Systeme heute und insbesondere zukünftig die direkte und bidirektionale Kommunikation zwischen verschiedenen IT-Systemen ermöglichen. Offene und leicht anpassbare Schnittstellen zu vor- oder nachgelagerten Systemen (offene Standardisierung und Kommunikation) werden immer wichtiger.
  • ERP-Systeme müssen den Aspekt der Dematerialisierung berücksichtigen. Dematerialisierung bedeutet, dass die Software nicht mehr integrierter Bestandteil einer Maschine ist, sondern über einen Kommunikationskanal (z. B. IoT-Plattform oder Webservice) mit dieser verbunden ist. Liegt ein solches Szenario vor, muss sich das ERP-System entsprechend flexibel anpassen.
  • Die Cloud-Fähigkeit eines ERP-Systems kann, muss aber kein zwingendes Auswahlkriterium sein. Cloud-Dienste bieten den Vorteil, dass rechenintensive Anwendungen verlagert werden, damit für andere Anwendungen nur so viel Rechenkapazität vorgehalten werden muss, wie für Echtzeitfähigkeit, Verfügbarkeit und Sicherheit erforderlich sind.
  • Auch die Echtzeit- und Massendatenfähigkeit von ERP-Systemen werden in Zukunft eine immer größere Bedeutung für Unternehmen spielen. Durch das exponentielle Wachstum an Daten, die bspw. auf Produktionsebene generiert werden, wird das Datenvolumen in den Unternehmen exponentiell ansteigen. Ein modernes ERP-System muss in der Lage sein diese Datenmengen strukturiert zu verarbeiten.
  • Mobile kontextsensitive ERP-Anwendungen (z. B. für die Funktionsbereiche Vertrieb, Customer/Supplier Relationship Management, Einkauf, Supply Chain Management, Projektmanagement, Transport- und Lagermanagement, Instandhaltung und Berichtswesen) bieten signifikante Effizienzvorteile. Die Anforderungen werden unter dem Begriff der „Modularisierung oder Appisierung“ zusammengefasst. Informationen werden arbeitsplatzunabhängig jederzeit und an jedem beliebigen Ort bereitgestellt. Da mobiles Arbeiten immer häufiger angetroffen wird, ist das Vorhandensein von mobilen Anwendungen (Apps) ein wichtiges Entscheidungskriterium.
  • ERP-Systeme müssen im Zusammenhang mit der Umsetzung von Industrie 4.0-Anwendungen mit der sogenannten Dehierarchisierung der Systemstrukturen umgehen können. Vormals zentral, im ERP-System ausgeführte Aufgaben, werden auf die Produktions- und Logistikebene verlagert. ERP-Systeme müssen sich hier zukünftig anpassen können, da die Konzepte der Industrie 4.0 eine hierarchielose Kommunikationsstruktur vorsehen, in der nicht mehr eine zentrale Planungs- und Steuerungsinstanz, sondern das zu fertigende Produkt die Produktion steuert. [2]

Die internetbasierte Vernetzung von Objekten auf der operativen Produktionsebene (Produkte, Maschinen, Sensoren etc.) nimmt im Rahmen der Industrie 4.0 zu. Dies lässt die Datenmengen, die ERP-Systeme verarbeiten und analysieren müssen, immens steigen. Die Massendatenverarbeitung von Produktionsdaten oder Daten aus sozialen Netzwerken erfordern moderne ERP-Systeme, die über die Technologien zur Speicherung und Verarbeitung von großen Datenmengen (Big Data), so dass diese Daten in die Entscheidungsprozesse im ERP-System sinnvoll integriert werden können [3].

 


Bild 2: Technologische Anforderungen an 
ERP-Systeme im Kontext der Industrie 4.0 [2].


Organisatorische Rahmenbedingungen 

Eine reine technologische oder funktional orientierte ERP-Auswahl ist angesichts des Strukturwandels der Industrie 4.0 nicht mehr zeitgemäß und zielführend. Das Entscheidungsproblem ist zunehmend mehrdimensional und komplex. Im Kontext eines Auswahlprojektes müssen weitere Dimensionen berücksichtigt werden, wie etwa die Mitarbeiterqualifikation, die Altersstruktur, Geschäftsmodellentwicklung, das Unternehmenswachstum sowie der künftige Grad an Digitalisierung und Autonomie der Produktion. Die von der Einführung eines neuen ERP-Systems betroffenen Mensch-Maschinen Schnittstellen sollten ebenfalls betrachtet werden.

Die Implementierung maximaler Digitalisierung in allen Geschäftsbereichen und/oder die Implementierung von „echten“ Industrie 4.0-Anwendungen kann nur gelingen, wenn Mitarbeiter im Rahmen der Anforderungsdefinition von neuen Abläufen „überzeugt“ und mitgerissen werden. Es ist nicht zielführend, wenn die Geschäftsführung die augenscheinlich „beste Technologie“ für die Organisation im Top-Down Verfahren vorgibt. Die Veränderungen müssen reizvoll gemacht werden, so dass die Mitarbeiter motiviert in ein Einführungsprojekt einsteigen, welches ihnen viel Energie und Zeit abverlangt. Vor diesem Hintergrund sollte ein Unternehmen für die Design- und Anforderungsphase genügend Zeit einräumen. Ein strukturiertes, aber insbesondere gründliches Vorgehen in der Auswahl- und Bewertungsphase ist hierbei ratsam. Die Ist-Analyse wie auch die Phase der Soll-Konzeption sind erfolgskritisch für ein ERP-Einführungsprojekt sowie die langfristige Entwicklung eines Unternehmens.


Fazit

Eine ERP-Auswahl ist zwar kosten- und zeitintensiv, kann aber angesichts der neuen Angebote zur Digitalisierung und Automatisierung von Geschäftsprozessen einen Quantensprung für ein Unternehmen bedeuten. Unter der Annahme, dass ein Unternehmen wachsen und langfristig einen Wettbewerbsvorteil aufbauen möchte, sind moderne ERP-Systeme unerlässlich. Der Wettbewerbsvorteil wird sich zukünftig jedoch nicht mehr ausschließlich durch den Grad der Digitalisierung unternehmensinterner Prozesse darstellen, sondern in der Kommunikation und der Außenwirkung auf Geschäftspartnern und Kunden. Schnelligkeit, Plattform-Unabhängigkeit, Transparenz werden künftig die entscheidenden Vorteile für die Nutzung von ERP-Software darstellen. Die Organisation muss jedoch imstande sein, moderne Technologien anzunehmen und „zu leben“. Nur so ist der Erfolg eines ERP-Einführungsprojektes gewährleistet. Der ERP-Markt bietet hier vielfältige Softwarelösungen für kleine-, mittelständische und große Unternehmen.

Schlüsselwörter:

ERP-Systemauswahl, Digitale Transformation, Industrie 4.0

Literatur:

[1] Studie Coopers PricewaterhouseCoopers: Industrie 4.0 - Chancen und Herausforderungen der vierten industriellen Revolution, 2014
[2] Klink, P. et al.: ERP-Marktstudie 2016: Zukünftige Rolle von ERP-Systemen im Kontext der Industrie 4.0, Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Dortmund
[3] Bingler, D.: Ohne ERP keine Industrie 4.0, ERP-Management 2/2016, S. 45-46