Digitalisierung ist nicht gleich Digitalisierung

Von Prof. Dr. Norbert Gronau, Center for Enterprise Research, Potsdam

Deutschland ist Weltmeister! Das gilt nicht nur im Fußball und galt lange im Export. Es gilt auch für die einträgliche Disziplin „Geschäftsprozessoptimierung“. Die kontinuierliche Verbesserung bestehender Geschäftsabläufe ist eine der großen Domänen des deutschen Mittelstands. Hierzulande zielen mehr Innovationen auf die Verbesserung der Prozesse als auf die Weiterentwicklung der Produkte. Das ist einerseits löblich, denn das permanente Schrauben an Geschäftsprozessen ist Garant für die Wettbewerbsfähigkeit vieler Mittelständler im internationalen Vergleich. Trotz hoher Löhne und Abgaben können viele Unternehmen ihre Weltmarktführerschaft in ausgewählten Nischen festigen und verteidigen. Es birgt aber auch Gefahren. Denn in der aktuellen Debatte um die Digitalisierung sehen viele Manager in mittelständischen Betrieben in der Digitalisierung vor allem ein Mittel zur Rationalisierung und zur weiteren Optimierung der eigenen Methoden. Das legt eine Studie des ERP-Anbieters IFS nahe, die in 16 Ländern rund 750 Entscheider in Unternehmen nach ihrer Digitalstrategie befragt hat. (Siehe rechts „Digitalisierung treibt ERP-Investitionen“).

Zwar ist man sich weltweit einig, dass Effizienzsteigerungen das oberste Ziel der Digitalisierung im Unternehmen sein sollte. Ansonsten aber weichen die Antworten aus Deutschland deutlich vom globalen Konsens ab: Hier werden mit Kostenersparnis und Produktivitätssteigerung zwei klassische Ziele der taktischen Geschäftsprozessoptimierung genannt. Weltweit sind es hingegen die strategischen Motive “Beschleunigung von Innovationen“ und „Verbesserung der Wachstumschancen“. 
Zwar sehen sich rund 90 Prozent der Unternehmen auf ihrem eingeschlagenen Weg gut gerüstet. Allerdings könnte die Richtungswahl schon grundlegend in die Irre führen. Denn wer rationalisieren will, möchte im Grunde nichts verändern. Es bleibt beim Business as usual – nur günstiger. 
Das dürfte angesichts sich wandelnder Märkte, neuer Geschäftsmodelle und eines völlig veränderten Käuferverhaltens gefährlich werden. Die Chancen der Digitalisierung ergeben sich in der Tat eher aus neuen Methoden, um schneller auf Marktveränderungen zu reagieren, neue Produkt- und Vertriebsmechanismen zu etablieren und besser auf Kundenwünsche einzugehen. Dazu sind Technologien wie Predictive Analytics oder Big Data-Auswertungen ebenso hilfreich wie die Umsetzung des Internets der Dinge. Beide Technologien gehen Hand in Hand: Das Kundenverhalten kann einerseits mit Big Data besser vorhergesagt werden und zu einer dynamischen Veränderung der Produktionsplanung führen. Andererseits liefern Maschinen und Werkzeuge wiederum Massendaten über das Geschehen in der Produktion, die nur mithilfe von Big Data ausgewertet werden können.
Doch vor allem der Einsatz von Analytics auf der Basis großer Datenmengen ist in Deutschland ein Feld mit großem Nachholbedarf, wie eine Studie des Center for Enterprise Research am Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik, Prozesse und Systeme der Universität Potsdam in Zusammenarbeit mit SAS ergab. Danach sind fehlendes Know-how und mangelnde interne Ressourcen der Grund für die vergleichsweise geringe Nutzung von Big Data im deutschen Mittelstand. Haupteinsatzgebiete sind dabei zu 26 beziehungsweise 29 Prozent Marketing und Vertrieb. 
Die Studie, die vor allem den Nutzungsgrad von Big Data Analytics im Handel untersuchte, zeigt deutlich, dass 70 Prozent der untersuchten Handelsorganisationen ihre Omni- oder Multi-Channel-Daten nur in sehr geringem Maße konsequent auswerten. Dagegen ist der Einsatz solcher Analysen in der Handelslogistik höher, also dort, wo Angebot und Nachfrage miteinander abgestimmt und Lieferprozesse zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor werden. 
Das entspricht durchaus dem deutschen Reflex. Die logistischen Geschäftsprozesse werden optimiert. Die Verbesserung des Marktzugangs hingegen folgt unter „ferner liefen“.