Editorial ERP 4/2009


Usability ist mehrals nur Design
Unter Usability wird gemeinhin ein Maß für die Gebrauchstauglichkeit verstanden. Dies schließt eine Bewertung durch die Benutzer, auch von ERP-Systemen, ein. Allerdings müssen bei einer umfassenden Bewertung der Usability dieser komplexen Kategorie von Anwendungssystemen noch eine Reihe weiterer Kriterien berücksichtigt werden. Diese umfassen typische Arbeitsvorgänge, wie sie in ERP-Systemen immer wieder vorkommen, wie etwa Suche, Orientierung in großen Tabellen, Sprung von einer Information zur nächsten und viele mehr. In der Praxis haben viele Anbieter von ERP-Systemen inzwischen die Bedeutung der Usability erkannt. Die Systeme verkaufen sich besser, im Endauswahlprozess scheidet man als Anbieter nicht mehr aus, wenn man eine nicht mehr zeitgemäße Oberfläche darbietet. Das sind nur einige der Argumente, die für eine verbesserte Ergonomie sprechen. Allerdings bleiben einige Anbieter beim Design stehen. Natürlich erfreut es den ERP-Nutzer, beispielsweise im Rechnungswesen, wenn er jeden Monat eine neue sich wunderschön im Lichte eines schwedischen Binnensees wiegende Birke auf seinem Arbeitsplatz vorfindet. Jedoch wird er, nachdem er Bruchteile von Sekunden dieses wunderschöne Bild wahrgenommen hat, wieder in seine tägliche Arbeit eindringen. Diese besteht nicht aus Wanderungen um schwedische Binnenseen, sondern aus Suchen, Orientieren und Buchen.
Eine der wesentlichen Herausforderungen liegt in der sehr großen Funktionsvielfalt von ERP-Systemen und der Fragestellung, wie in geeigneter Weise diese Funktionsvielfalt in verschiedenen Anwenderkategorien anzubieten ist. Neben Direkteinstiegen, einem Navigatorbaum sowie einer logischen Prozessorientierung, teilweise in graphischer Form, haben sich rollenbasierte Konzepte als durchaus sinnvoll erwiesen. Allerdings ist die Frage, ob Anwender ihre Rolleneinteilung selbständig verändern können. Moderne Systeme bieten hier beispielsweise die Möglichkeit, über Favoriten besonders häufig benutzte Funktionen anwenderspezifisch zusammenzufassen. Ein wesentlicher wirtschaftlicher Vorteil einer verbesserten Usability liegt in der Vermeidung von Fehlern, die später im Auftragsdurchlauf zu erheblichen Problemen führen können. Daher kommt einer außerordentlich sorgfältigen Einführung und einer Plausibilitätsprüfung der Eingabefelder größte Bedeutung zu.
Darüber hinaus müssen für ausländische Zweigstandorte deutscher Unternehmen besondere Lösungen für die Usability gefunden werden, denn die Verfügbarkeit von Fachkräften ist an den ausländischen Fertigungsstandorten teilweise deutlich schlechter als in Deutschland. So geschah es einem deutschen Unternehmen mit einem Werk in China, dass monatelang keine Waren von dort ausgeliefert wurden, weil die braven Chinesen sämtliche in den Masken verfügbaren Ankreuzfelder aus Ordnungsliebe heraus angekreuzt hatten und dabei den gesamten Produktionsbestand in das Sperrlager überführt hatten. Hier müssen Lösungen geschaffen werden, die sowohl Assistenzsysteme für die Bedienung beinhalten als auch abgespeckte Versionen ermöglichen, ohne Upgrade und Veränderungsfähigkeit der Lösung zu behindern.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Spaß bei der Bedienung Ihres ERP-Systems, insbesondere wenn sich die Birken wieder im Spiegel schwedischer Binnenseen wiegen.


Hier können Sie die aktuelle Ausgabe von ERP Management bestellen.

last modified: 06/12/2009 09:58:42 AM top
Contact:
service@erp-management.de